Dissipative Tretmühle

Setzen Sie sich. Nein, nicht dort drüben. Dieser Tisch wackelt bedenklicher als die Koalitionsverhandlungen im Bundestag. Nehmen wir den hier in der Ecke. Herr Ober! Zwei Helle, und diesmal bitte ohne, dass der Schaum die Hälfte des Volumens einnimmt. Wir bezahlen hier schließlich für Ethanol, nicht für euklidische Geometrie in Blasenform.

Schauen Sie nicht so gequält auf Ihr Smartphone. Sie leiden unter dem weit verbreiteten Wahn, dass das Abarbeiten Ihres Posteingangs eine Form von produktivem Fortschritt sei. Ein rührender, fast schon niedlicher Irrglaube. Was Sie da tun, hat nichts mit „Arbeit“ im klassischen Sinne zu tun. Physikalisch betrachtet sind Sie lediglich ein biologischer Durchlauferhitzer, der verzweifelt versucht, den unvermeidlichen Wärmetod des Universums um ein paar Nanosekunden hinauszuzögern. Wir sind keine „Project Manager“ oder „Content Creator“; wir sind dissipative Strukturen, gefangen in einem Ozean aus informationeller Entropie.

Entropie-Management als Selbstbetrug

Betrachten wir das Desaster Ihres Büroalltags doch einmal durch die unbarmherzige Linse von Ilya Prigogine. Ein System fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht muss permanent Energie aufnehmen und Entropie exportieren, nur um seine interne Ordnung aufrechtzuerhalten. Ihr Schreibtisch am Montagmorgen ist ein physikalisches Schlachtfeld. Die ungelesenen E-Mails, die passiv-aggressiven Slack-Nachrichten von Kollegen, deren Kompetenz sich auf das Weiterleiten von Problemen beschränkt – das ist reines Rauschen. Hochgradig toxische Unordnung.

Wenn Sie anfangen, diese Datenflut zu „bearbeiten“, erzeugen Sie zwar lokal eine mikroskopische Ordnung, aber der Preis dafür ist astronomisch. Sie verringern die Entropie auf Ihrem Bildschirm nur, indem Sie die Entropie in Ihren eigenen Nervenzellen und in Ihrer Magenschleimhaut massiv erhöhen. Es ist exakt wie bei einer billigen Currywurst an der Bude am Hauptbahnhof: Man steckt eine Menge Energie hinein, um die chemische Instabilität des Fleisches zu bewältigen, nur damit am Ende ein minimales Maß an biologischer Sättigung übrig bleibt. Der Rest ist pure Abwärme, Sodbrennen und tiefe existenzielle Reue.

Der Thron der Sinnlosigkeit

Das Grundproblem des modernen Prekariats – ob im Maßanzug oder im Kapuzenpulli – ist die groteske Fehlannahme, dass „Effizienz“ ein moralischer Sieg sei. Physikalisch gesehen ist Effizienz lediglich die Rate, mit der wir Ordnung aus dem Chaos filtrieren. Aber je schneller wir filtrieren, desto dichter wird der Müll, der uns umgibt.

Ich sah neulich einen Kollegen, der sich diesen lächerlich überteuerten ergonomischen Bürostuhl gekauft hat. Fünfzehnhundert Euro für ein Netzgewebe aus recyceltem Ozeanplastik, das angeblich die Lendenwirbelsäule in einen Zustand der Glückseligkeit versetzt. Was für eine Farce. Das ist, als würde man auf der Titanic Liegestühle reservieren, die eine bessere Lordosenstütze haben. Ein ergonomischer Thron für den König der Sinnlosigkeit. Wer so etwas kauft, glaubt wohl auch, dass man die Gesetze der Thermodynamik mit einer goldenen Kreditkarte bestechen kann. Sie sitzen da, Ihr Rücken wird optimal gestützt, während Ihr Geist langsam aber sicher an der Banalität Ihrer Excel-Tabellen verrottet.

Minimierung des Wahnsinns

Und dann kommen die Evangelisten der Künstlichen Intelligenz und versprechen uns das Paradies. Man verkauft uns diese Algorithmen als Befreier von der Mühsal. In der Realität sind sie lediglich Agenten zur Minimierung der freien Energie im Sinne von Karl Friston. Ein KI-Agent versucht nicht, „kreativ“ zu sein – das ist eine anthropozentrische Halluzination, die Sie sich einreden, um sich weniger überflüssig zu fühlen. Das System versucht lediglich, die Divergenz zwischen seinem internen Modell und der einströmenden sensorischen Flut zu minimieren. Es will die Überraschung eliminieren.

Wenn die KI Ihre E-Mails vorformuliert, tut sie das nicht, um Ihnen Freizeit zu schenken. Sie tut es, um die informationelle Varianz zu glätten. Wir delegieren unser Denken an Systeme, deren einziges Ziel es ist, die Welt so vorhersehbar, steril und langweilig wie eine deutsche DIN-Norm zu machen. Das Ergebnis ist eine flache Realität, in der kein Platz mehr für den produktiven Fehler, den „Glitch“ im System, bleibt. Wir optimieren uns in die totale Vorhersehbarkeit, bis wir nur noch Fleischroboter sind, die Bestätigungsknöpfe drücken. Das ist keine Intelligenz, das ist eine Lobotomie durch Komfort.

Die kalte Berechnung

Menschliche Arbeit war früher ein Kampf gegen die widerständige Materie. Heute ist es ein Kampf gegen die statistische Wahrscheinlichkeit. Wir versuchen, aus dem Rauschen der Datenströme eine kohärente Erzählung zu destillieren, während die KI im Hintergrund die Varianz wegschrubbt. Am Ende steht die perfekte Ordnung: Der Informationstod.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum Sie sich nach dem Feierabend so vollkommen leer fühlen, als hätte man Ihnen die Seele mit einem Strohhalm abgesaugt? Es ist der Entzug der Komplexität. Sie haben den ganzen Tag lang dissipative Strukturen gebaut, die innerhalb von Sekunden in sich zusammenfallen, sobald der Strom weg ist. Ihre Arbeit hinterlässt keine Spuren. Sie sind wie ein Akku, der sich entlädt, um eine LED zum Leuchten zu bringen, die in einem leeren Raum steht.

Herrgott, das Bier ist schon wieder leer. Ich brauche dringend noch eins, um den Geschmack dieser Erkenntnis herunterzuspülen.

Schauen Sie sich um. All diese Leute hier. Sie starren auf ihre Smartphones wie Mönche auf heilige Reliquien, während ihre neuronalen Netze verzweifelt versuchen, die nächste Dopamin-Ausschüttung vorherzusagen. Es ist ein geschlossener Kreislauf der freien Energieminimierung. Wir haben die Evolution überlistet, nur um in einer Endlosschleife aus algorithmischer Bestätigung und geistiger Stagnation hängen zu bleiben. Das ist keine Erholung. Das ist kybernetische Sklerose.

Trinken Sie aus. Die Entropie wartet nicht auf Ihren Kater, und dieser Tisch fängt an, mir philosophische Kopfschmerzen zu bereiten. Wir sind nur organisierte Hitze, die kurzzeitig behauptet, eine Meinung zu haben, bevor sie im Rauschen des Universums verhallt.

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