Thermodynamischer Betrug

Der Zweite Hauptsatz der Bürokratie

Es entbehrt nicht einer gewissen, fast schon zynischen Komik, wie wir uns jeden Montagmorgen einreden, die Welt durch das bloße Verschieben von digitalen Kärtchen in einem Projektmanagement-Tool vor dem Abgrund zu retten. In den gläsernen Käfigen der Vorstandsetagen und den nach altem Schweiß und frischem Angstschweiß riechenden Co-Working-Spaces dieser Republik wird „Effizienz“ wie eine göttliche Offenbarung gepredigt. Doch werfen wir einen nüchternen Blick – oder zumindest so nüchtern, wie es nach dem dritten Hellen hier am Tresen möglich ist – auf die Realität, bleibt nichts weiter als ein glorifizierter Kampf gegen das Unvermeidliche. Wir nennen es „Karriere“ oder „Agiles Arbeiten“, die Physik nennt es schlicht und ergreifend den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.

Kognitive Abwärme und die Illusion von Output

Was wir gemeinhin als „produktive Arbeit“ bezeichnen, ist bei physikalischer Betrachtung nichts anderes als der verzweifelte Versuch, in einem geschlossenen System – nennen wir es „das Büro“ – die Entropie lokal zu senken, während wir sie global ins Unermessliche steigern. Jeder erledigte Task ist ein winziges bisschen Ordnung, erkauft durch die massive Abwärme unseres überhitzten Neocortex und den Verbrauch von billigem Kantinenessen. Betrachten wir doch einmal das menschliche Gehirn während einer dieser unsäglichen Videokonferenzen. Man könnte meinen, hier fände ein Austausch von wertvoller Information statt. Doch informationsgeometrisch gesehen ist das meiste davon reines thermisches Rauschen.

Wir produzieren „Output“, der in 99 % der Fälle keinen energetischen Mehrwert liefert, sondern lediglich die kognitive Dissipation beschleunigt. Es ist exakt wie bei einem alten Dieselmotor, der im Leerlauf an einer roten Ampel steht: Der Motor brüllt, der Kraftstoff verdampft, der Ruß schwärzt die Lunge der Passanten, aber der Wagen bewegt sich keinen Millimeter vorwärts. Die moderne Arbeitswelt ist eine einzige Leerlauf-Exzellenz. Wir optimieren unsere Workflows, bis sie so komplex sind, dass die Wartung des Systems mehr Energie frisst als die eigentliche Arbeit jemals generieren könnte. Diese klassische „Verschlimmbesserung“ ist kein Zufall, sondern ein strukturelles Versagen.

Das Fließgleichgewicht des Wahnsinns

Um in diesem Chaos nicht völlig zu verglühen, klammern wir uns an das Konzept des „Workflows“. In der Thermodynamik nennen wir das einen Non-Equilibrium Steady State (NESS). Ein Zustand fernab des Gleichgewichts, der nur durch ständigen Energiedurchsatz aufrechterhalten werden kann. Wir sind wie ein kaputter Wasserhahn, der genau so viel tropft, dass das Becken nicht überläuft, aber auch nie leer wird. Um diese fragile Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten, umgeben wir uns mit Requisiten, die Professionalität simulieren sollen.

Nehmen wir zum Beispiel die aktuelle Obsession mit ergonomischem Mobiliar. Man sieht immer häufiger diesen [Herman Miller Aeron](https://www.hermanmiller.com/products/seating/office-chairs/aeron-chairs/) in den Büros stehen. Ein Sitzmöbel, dessen Preisschild mittlerweile in Regionen rangiert, für die man früher einen soliden Gebrauchtwagen oder zumindest eine kleine Herzoperation bekommen hätte. Es ist vollkommen absurd. Als ob ein patentiertes Netzgewebe die Tatsache kaschieren könnte, dass man acht Stunden am Tag sinnlose E-Mails in ein schwarzes Loch tippt. Wir kaufen uns diese überteuerten Thron-Imitate, um die Fiktion zu nähren, dass unsere Arbeit eine gerichtete Kraft sei und nicht bloß die ziellose Brownsche Bewegung eines überforderten Primaten, der versucht, seine Leasingraten zu bezahlen.

Zerfall der Hardware

Wenn man die biologische Hardware – also uns – lange genug unter diesem künstlichen Hochdruck setzt, degradieren die Schaltkreise unwiderruflich. Das ist kein psychologisches Problem, für das man einen Achtsamkeitscoach braucht, das ist schlichte Materialermüdung. Unser Arbeitsgedächtnis gleicht im Grunde dem Akku eines billigen Smartphones aus dem Jahr 2014: Nach zwei Stunden intensiver Nutzung sinkt die Kapazität rapide, das Gehäuse wird heiß, und am Ende des Tages reicht die verbleibende Spannung gerade noch so, um sabbernd vor einem Streaming-Dienst zu existieren.

Wir reden gerne von „Selbstverwirklichung“, dabei sind wir nur dissipative Strukturen, die Information in Hitze verwandeln. Das Universum liebt uns nicht für unsere Tabellenkalkulationen; es liebt uns höchstens dafür, dass wir so wunderbar effizient darin sind, die Ordnung der Welt zu zerstören und in Form von unstrukturierter Strahlung ins All zu blasen. Wir sind keine Architekten unseres Schicksals, sondern lediglich die biologischen Heizkörper einer kalten, indifferenten Bürokratie. Ich will nach Hause.

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