Kognitive Insolvenz

Schenken Sie noch mal nach, Herr Ober. Ja, das Helle. Randvoll, bitte. Danke.

Wissen Sie, was mich an der modernen Arbeitswelt wirklich anwidert? Es ist diese kindliche, fast schon religiöse Überzeugung, der menschliche Geist sei ein Container, den man beliebig befüllen und entleeren kann, ohne dass Rückstände bleiben. In den verglasten Türmen der Frankfurter Bankenviertel herrscht der Irrglaube, „Multitasking“ sei eine Tugend, eine Art olympische Disziplin für den Leistungsträger von heute. Man wirft drei Projekte, fünf Slack-Kanäle und eine videobasierte Konferenz in einen Mixer, drückt auf „High Speed“ und erwartet, dass am Ende ein Goldbarren herauskommt.

Dabei ist die Realität so brutal wie einfach, und man braucht keinen Doktortitel in Physik, um sie zu begreifen. Schauen Sie sich dieses Bier an. Wenn ich es jetzt umschütte, verteilt es sich auf dem Tresen. Der Schaum zerfällt, die Kohlensäure entweicht, die Flüssigkeit wird warm und schal. Versuchen Sie mal, diesen Prozess umzukehren. Versuchen Sie, das Bier zurück ins Glas zu zwingen, den Schaum wieder aufzubauen und die Temperatur zu senken, ohne dabei mehr Energie aufzuwenden, als das Bier überhaupt wert ist. Das ist das Gesetz der Irreversibilität. Einmal verschwendete Aufmerksamkeit ist weg. Für immer.

Schaumschlägerei

Betrachten wir den Büroalltag einmal nüchtern – also, so nüchtern wie möglich in unserem Zustand. Ein Angestellter, der zwischen einer komplexen Excel-Kalkulation, einer idiotischen E-Mail vom Marketing und dem nervösen Blinken seines Smartphones hin- und hergerissen wird, verrichtet keine Arbeit. Er erzeugt lediglich Reibungswärme. Das menschliche Gehirn ist ein biologisches Wunderwerk, das darauf optimiert ist, ein Mammut zu jagen oder eine Höhle zu verteidigen. Es ist nicht darauf ausgelegt, im Sekundentakt den Kontext zu wechseln.

Jedes Mal, wenn Sie aus einer tiefen Konzentration gerissen werden – sei es durch einen Kollegen, der „nur mal kurz“ eine Frage hat, oder durch das plingende Geräusch einer neuen Nachricht –, passiert in Ihrem Kopf eine Katastrophe. Die neuronalen Netze, die gerade mühsam eine logische Struktur aufgebaut haben, kollabieren. Sie müssen das komplette mentale Gerüst abreißen und für die neue, meist völlig banale Aufgabe ein neues Fundament gießen. Das ist keine Effizienz. Das ist kognitiver Vandalismus.

Einfach lächerlich.

Reibungsverluste

Die Tragödie ist nicht nur, dass die Arbeit schlechter wird. Der wahre Preis, den wir für diesen Wahnsinn zahlen, ist unsere biologische Integrität. Diese ständigen „Context Switches“ sind Energiefresser par excellence. Sie verbrennen Glukose in einem Tempo, das jeden Marathonläufer neidisch machen würde, aber ohne dass Sie sich auch nur einen Meter bewegen. Am Ende des Tages sitzen Sie da, körperlich unversehrt, aber geistig vollkommen ausgehöhlt.

Und was passiert dann? Sie kommen nach Hause, und da ist nichts mehr. Keine Libido, kein Appetit auf echtes Essen, keine Geduld für die Kinder oder den Partner. Ihre Willenskraft, diese kostbare, endliche Ressource, wurde im Büro zerhäckselt und als Abwärme in die Atmosphäre geblasen. Sie sind nicht mehr in der Lage, eine Entscheidung zu treffen, die komplexer ist als die Wahl zwischen zwei Streaming-Diensten. Sie werden zu einem passiven Konsumenten degradiert, weil Ihr Frontallappen den Dienst quittiert hat. Das ist der wahre Preis des Multitaskings: Es stiehlt Ihnen nicht nur die Zeit, es kastriert Ihre Lebensfreude.

In unserer Verzweiflung versuchen wir dann, diese innere Leere durch externe Hilfsmittel zu kompensieren. Wir klammern uns an technische Krücken, als könnten wir unsere erschöpfte Aufmerksamkeitsspanne künstlich wieder aufladen. Sehen Sie sich die Leute am Flughafen an, wie sie panisch nach einer Steckdose suchen oder ein überteuertes tragbares Kraftwerk mit sich herumschleppen, nur damit ihre Geräte bloß nicht denselben Energietod sterben wie ihre eigenen Gehirne. Es ist eine groteske Ersatzhandlung.

Ich will nach Hause.

Endzustand

Wir haben eine Arbeitskultur geschaffen, die den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ignoriert. Wir glauben, wir könnten Ordnung schaffen, indem wir das Chaos beschleunigen. Aber alles, was wir tun, ist, die Unordnung zu maximieren. Wir produzieren Lärm, Stress und halbgares Wissen, das morgen schon niemanden mehr interessiert. Und um uns selbst vor dieser bitteren Wahrheit zu schützen, bauen wir uns kleine Festungen aus Konsumgütern.

Da wird dann ein Vermögen für ein massives Bollwerk aus Eichenholz ausgegeben, das man sich ins Home-Office stellt. Man streicht über die glatte Oberfläche und redet sich ein, dass diese stoische Ruhe des Materials auf den eigenen Geist abfärbt. Aber das ist eine Lüge. Das Holz ist tot, genau wie Ihre Konzentration nach dem fünften Zoom-Meeting des Tages. Keine ergonomische Wunderwaffe der Welt kann reparieren, was Sie durch systematische Fragmentierung zerstört haben.

Wir sind keine Architekten einer digitalen Zukunft. Wir sind Sisyphus, nur dass unser Stein aus ungelesenen E-Mails besteht und der Berg eine Excel-Tabelle ist, die niemals endet. Und jedes Mal, wenn wir glauben, wir hätten den Gipfel erreicht, vibriert die Smartwatch und der Stein rollt wieder runter. Es ist ein Trauerspiel. Ein physikalisch unausweichliches Trauerspiel.

Was für eine Verschwendung.

コメント

タイトルとURLをコピーしました