Dissipative Hölle

Thermodynamik des Scheiterns

Prosit. Setzen Sie sich. Nehmen Sie einen tiefen Schluck von diesem schalen Pils, denn es ist das Einzige, was in diesem Etablissement noch eine ehrliche molekulare Struktur aufweist. Wir müssen reden. Nicht über Ihre Quartalsziele oder diese rührende Illusion, die Sie „Karriere“ nennen, sondern über die Physik. Genauer gesagt: über die Unmöglichkeit, in einem modernen Unternehmen zu arbeiten, ohne dabei den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu verletzen.

Sie faseln von „Corporate Social Responsibility“ und „Purpose“, als ob ein gut formuliertes Leitbild die fundamentalen Gesetze des Universums aushebeln könnte. Aber schauen Sie sich doch um. Ein Unternehmen ist keine glückliche Familie und erst recht keine moralische Anstalt. Es ist eine dissipative Struktur im Sinne Prigogines. Ein gefräßiges System fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht, das nur existiert, indem es hochwertige Energie – Ihre Lebenszeit, Ihre kognitive Kapazität – in sich hineinsaugt und als minderwertige Entropie – Stress, Burnout und PowerPoint-Folien – wieder in die Umwelt kackt.

Der Mythos der Wertschöpfung

Lassen Sie uns diesen Begriff „Gemeinwohl“ sezieren. In den bunten Broschüren der HR-Abteilung wird uns verkauft, dass wir die Welt verbessern. Lächerlich. Das ist, als würde man behaupten, ein Waldbrand diene der Raumheizung. Die Organisation ist eine gigantische Wärmekraftmaschine, die jedoch kaum mechanische Arbeit verrichtet, sondern fast die gesamte zugeführte Energie in Reibungswärme umwandelt.

Ihre tägliche Anstrengung gleicht dem Versuch, eine lauwarme, seit drei Tagen in der Auslage liegende Currywurst durch bloße Willenskraft wieder genießbar zu machen. Es ist ein energetisches Minusgeschäft. Wir füttern den Moloch mit unserer Bio-Elektrizität, und was kommt dabei heraus? Ein weiteres Meeting, das auch eine E-Mail hätte sein können. Ein weiteres Compliance-Formular, das niemand liest. Das ist keine Ordnungsschöpfung; das ist die maximale Beschleunigung des Wärmetods.

Um diese kognitive Dissonanz zu ertragen – das Wissen, dass man seine Existenz für die Erhöhung des globalen Chaos opfert –, greift der moderne Sklave zu Fetischen. Haben Sie sich nicht neulich diesen obszön teuren Montblanc Meisterstück Füllfederhalter gekauft? Hunderte von Euro für ein Werkzeug, das Tinte auf Papier blutet, nur um Unterschriften unter Dokumente zu setzen, die in drei Wochen geschreddert werden. Sie kaufen sich dieses schwarze Harz nicht zum Schreiben. Sie kaufen es als Talisman gegen die Bedeutungslosigkeit. Ein verzweifelter Versuch, der bürokratischen Unordnung eine goldene Feder entgegenzuhalten. Pathetisch.

Bürokratie als Reibungsverlust

Betrachten wir die Prozesse. Die Deutsche Bahn ist hierfür das perfekte Modell. Ein komplexes Netzwerk, das so viel Energie für die eigene Verwaltung, für Signale, Umleitungen und Entschuldigungsdurchsagen verbraucht, dass für die eigentliche Fortbewegung kaum noch etwas übrig bleibt. In Ihrem Büro ist es dasselbe. Die Bürokratie ist der Reibungskoeffizient, der gegen Unendlich strebt.

Jeder „Jour Fixe“, jedes „Alignment-Meeting“ ist reine thermische Abwärme. Wir erzeugen heiße Luft, um die Illusion von Bewegung aufrechtzuerhalten, während wir statisch im Großraumbüro verrotten. Und weil der menschliche Körper für dieses statische Verrotten nicht gebaut ist, beginnt die biologische Hardware zu versagen. Der Rücken schmerzt, die Bandscheiben kapitulieren unter der Last der Sinnlosigkeit.

Und was ist die Lösung des Systems? Ergonomie. Man verkauft Ihnen keinen Arbeitsinhalt, der Ihre Würde bewahrt, sondern einen Herman Miller Aeron Bürostuhl für den Preis eines Kleinwagens. Sehen Sie sich dieses Netzgewebe an. Es ist ein Thron für den König des Nichts. Wir glauben ernsthaft, dass wir die strukturelle Integrität unserer Wirbelsäule retten können, indem wir 1.500 Euro in ein Stück Plastik und Aluminium investieren, das uns sanft wiegt, während wir innerlich absterben. Es ist die teuerste Form der Palliativpflege für den Büroarbeiter.

Der Mensch als Verschleißteil

Am Ende des Tages sind Sie, mein Freund, nichts weiter als ein elektrochemischer Energiespeicher, dessen Ladezyklen begrenzt sind. Wie eine billige Powerbank, die man an der Tankstelle gekauft hat, verlieren Sie mit jedem Ladevorgang an Kapazität. Morgens stecken Sie sich mit Kaffee und falschem Optimismus an das Netz der Organisation, lassen sich aussaugen, bis die Spannung abfällt, und schleppen sich abends als leere Hülle nach Hause.

Dort, im Privaten, laden Sie Ihre Entropie ab. Sie schreien Ihre Kinder an, starren stumpf auf Netflix oder trinken zu viel von diesem billigen Fusel hier, um die Systemtemperatur zu senken. Das ist der wahre Kreislauf der Wirtschaft: Wir exportieren das Chaos aus den Firmenbilanzen direkt in unsere Wohnzimmer und Nervensysteme.

Ich habe genug gesehen. Das Bier ist warm, und meine Geduld mit dieser Farce ist am Ende. Ich gehe jetzt nach Hause, um in die Dunkelheit zu starren. Bezahlen Sie den Deckel. Das ist das Mindeste, was Sie für diese Vorlesung tun können.

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