Geometrie des Scheiterns

Die Farce

Die Deutschen pflegen ein geradezu pornografisches Verhältnis zur „Effizienz“. Es ist unser nationales Götzenbild, ein fetischisiertes Konstrukt, dem wir zwischen 8:00 und 17:00 Uhr mit einer Mischung aus protestantischer Arbeitsethik und masochistischer Unterwerfung huldigen. Wir betreten morgens Gebäude, in denen das surrende Flackern der Leuchtstoffröhren wie das Sterbegeräusch eines riesigen Insekts klingt, und nennen das „Karriere“. Aber seien wir ehrlich, wenn wir das akademische Phrasenschwein beiseiteschieben: Was wir in den glattpolierten Großraumbüros treiben, ist keine Arbeit im physikalischen Sinne. Es ist die thermodynamisch sinnloseste Verschiebung von heißer Luft seit der Erfindung des Föns.

Wir exekutieren ein schlecht programmiertes Sprachspiel im Sinne Wittgensteins. Niemand kennt die Regeln, aber jeder tut so, als hinge sein Leben davon ab. Wenn ein mittelmäßiger Abteilungsleiter, dessen intellektueller Horizont am Rand seiner Kaffeetasse endet, Begriffe wie „Agilität“, „Transformation“ oder „Synergie“ in den Raum ejakuliert, dann riecht das nicht nach Fortschritt. Es riecht nach der ranzigen Currywurst aus der Kantine, die er hastig in der Mittagspause verschlungen hat, während er darüber nachdachte, wie er Ihre Lebenszeit noch effektiver in nutzlose PowerPoint-Folien verwandeln kann. Diese sogenannte „Prozessoptimierung“ ist in Wahrheit ein brutaler Angriff auf den menschlichen Organismus. Sie ist der Grund für Ihr chronisches Magengeschwür und den ständigen Mietrückstand, den Ihr Gehalt in den heutigen Metropolen kaum noch deckt. Wir spielen ein Spiel, bei dem die einzige Belohnung darin besteht, dass man am nächsten Tag wiederkommen darf, um weiterzuspielen. „Effizienz“ ist hier lediglich der Euphemismus für die Geschwindigkeit, mit der menschliche Träume in der Schreddermaschine der Bürokratie pulverisiert werden.

Völliger Quatsch.

Krümmung

Betrachten wir dieses organisatorische Elend einmal nüchtern durch die Brille der Informationsgeometrie. Ein Unternehmen ist keine rationale Hierarchie, sondern eine statistische Mannigfaltigkeit, die von menschlichem Versagen, Eitelkeit und purer Willkür durchsetzt ist. Die Berater faseln von „gradlinigen Prozessen“ und „kurzen Wegen“, aber in einem Riemannschen Raum, der durch die massive Gravitation von Inkompetenz verzerrt wird, gibt es keine euklidischen Geraden.

Die Fisher-Informations-Metrik misst hier nicht den Informationsgehalt, sondern den Abstand zwischen der Wahnvorstellung des Managements und der dreckigen Realität des Bodensatzes. Jeder Versuch, eine klare Anweisung zu geben, scheitert an der intrinsischen Krümmung des Raumes. Ihre Hoffnung, pünktlich den Stift fallen zu lassen, ist eine Geodäte, die durch ein schwarzes Loch aus unnötigen Meetings so stark abgelenkt wird, dass Sie sich physikalisch unmöglich vor 20 Uhr aus dem Gebäude bewegen können. Da hilft es auch nicht, wenn Sie Ihren geschundenen Lendenwirbelbereich auf einem ergonomischen Wunderwerk der Sitzmöbeltechnik parken. Selbst wenn dieses Ding den Preis eines Kleinwagens hat und verspricht, Sie wie auf Wolken zu betten: Es ändert nichts an der Tatsache, dass Sie acht Stunden am Tag auf einem teuren Symbol Ihrer eigenen Gefangenschaft hocken und darauf warten, dass der biologische Verfall einsetzt. Man versucht, eine gerade Linie auf einem zerknüllten Taschentuch zu ziehen – ein mathematisches Ding der Unmöglichkeit.

Lächerlich.

Entropie

Was wir euphemistisch als „Unternehmenskultur“ bezeichnen, ist nichts anderes als der verzweifelte, sisyphusartige Kampf gegen den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Management ist der Versuch, die Kullback-Leibler-Divergenz zwischen den gierigen Halluzinationen der Shareholder und der banalen Unfähigkeit der Ausführungsebene zu minimieren. Wir optimieren auf einer Fläche, die keine Minima besitzt, sondern nur einen unendlichen Abgrund. Es ist ein Gradientenabstieg direkt in die Hölle der Bedeutungslosigkeit.

Die Digitalisierung hat uns nicht gerettet. Sie hat lediglich die Geschwindigkeit erhöht, mit der wir gegen die Wand fahren. Früher dauerte es Wochen, bis eine Fehlentscheidung die Abteilung ruinierte; heute schaffen wir das dank Echtzeit-Dashboards, Slack-Terror und Zoom-Marathons in Millisekunden. Wir arrangieren die Liegestühle auf der Titanic neu und berechnen dabei die Krümmung des sinkenden Decks mit elf Nachkommastellen, während das eisige Wasser uns schon bis zum Hals steht. Der Mensch ist in diesem mathematischen Modell kein Akteur, sondern ein Störfaktor, ein thermisches Rauschen, das man am liebsten wegfiltern würde. Aber genau dieses Rauschen, dieser Rest an unberechenbarem Wahnsinn und Widerstand, ist das Einzige, was uns noch von einer Excel-Tabelle unterscheidet.

Ich habe genug gesehen. Gebt mir mein Bier.

Ich will nach Hause.

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