Werfen wir doch einmal einen nüchternen Blick auf das, was wir euphemistisch „Zivilisation“ nennen, während wir hier sitzen und darauf warten, dass der Alkoholpegel die Realität erträglich macht. Sehen Sie sich um. Jeden Morgen zwängen wir uns in die S-Bahn, diesen fahrbaren Inkubator für menschliche Ausdünstungen, virale Lasten und kollektive schlechte Laune. Man sitzt dort, Knie an Knie gepresst mit einem wildfremden Menschen, dessen feuchte Atemluft man unfreiwillig inhaliert, und versucht krampfhaft, die Fiktion aufrechtzuerhalten, dass das hier ein funktionierendes System sei. Wir huldigen dem Gott der „Öffentlichkeit“, als wäre sie ein griechischer Tempel der Vernunft. Dabei ist die Realität eher wie eine dieser hoffnungslos überteuerten Currywürste am Bahnhof Zoo: außen eine struppige, verbrannte Kruste aus verknöcherter Bürokratie, innen eine zweifelhafte Mischung aus faulem Kompromiss und Separatorenfleisch, und das Ganze wird nur durch die Hitze des ständigen, latenten Konflikts mühsam zusammengehalten.
Man nennt das dann Gemeinwohl oder Staatsräson. Ein hübsches Wort für das verzweifelte Bemühen, den Zerfall noch ein paar Jahre hinauszuzögern.
Die Rechnung der Thermodynamik
Lassen Sie uns das metaphysische Geschwätz der Sonntagsreden beiseite schieben. Ein Staat, eine Stadtverwaltung oder auch dieses marode Wirtshaus hier – das sind physikalisch gesehen nichts weiter als dissipative Strukturen im Sinne von Ilya Prigogine. Das klingt kompliziert, ist es aber nicht. Es bedeutet lediglich: Wir müssen unfassbare Mengen an Energie – in Form von unserer begrenzten Lebenszeit, unserer Arbeitskraft und unseren absurden Steuerzahlungen – in dieses System pumpen, nur um lokal die Entropie kurzzeitig zu senken. Ordnung ist ein Luxusgut, Chaos hingegen gibt es umsonst.
Was wir hier betreiben, ist ein permanenter, von vornherein verlorener Kampf gegen den Wärmetod des Universums. Jedes Meeting über „Corporate Identity“, jede Passierschein-A38-Bürokratie und jede sinnlose Ampelschaltung an einer leeren Kreuzung ist der klägliche Versuch, die statistische Wahrscheinlichkeit der totalen Unordnung hinauszuzögern. Es verhält sich exakt wie mit dem Akku Ihres Smartphones: Am Anfang glänzt alles, die Leistung ist da. Doch mit jedem Ladezyklus – jedem Fiskaljahr, jeder Gesetzesnovelle – degradiert die chemische Struktur des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Die Kapazität nimmt ab, der Innenwiderstand steigt, bis wir schließlich nur noch damit beschäftigt sind, panisch nach einer Steckdose zu suchen, während das System nur noch nutzlose Abwärme produziert.
Was für eine grandiose Zeitverschwendung.
Der Andere als Störfaktor
Und dann kommen die Philosophen. Jacques Derrida quält uns mit der „Ankunft des Anderen“ (l’arrivant), diesem fast messianischen Ereignis einer Begegnung. Aber seien wir ehrlich: In der Praxis der urbanen Existenz ist dieser „Andere“ kein erlösender Gast, den man willkommen heißt. Er ist der Typ, der nachts um drei Uhr gegen Ihre Wohnungswand hämmert. Er ist der Finanzbeamte, der Ihnen eine Nachzahlung schickt, für die Sie einen Kredit aufnehmen müssen. Er ist das Rauschen im Kanal, der Parameter, den Ihr sorgfältig geplanter Lebensalgorithmus nicht vorgesehen hat.
Wenn wir heute über „Smart Cities“ und digitale Infrastruktur sprechen, dann lügen wir uns in die Tasche. Wir wollen keine Vernetzung. Wir wollen diesen „Anderen“ technologisch domestizieren, bevor er uns den Tag versaut. Wir bauen digitale Festungen und Filterblasen, damit wir uns nicht mit der Unberechenbarkeit fremder Existenzen auseinandersetzen müssen. Selbst unsere viel gepriesene Empathie ist neurobiologisch betrachtet nur ein kognitiver Bug. Karl Friston nennt das das „Prinzip der freien Energie“: Unser Gehirn hasst Überraschungen. Altruismus ist oft nur eine egoistische Strategie, um die Vorhersagefehler der Umwelt zu minimieren. Wir sind nett zueinander, damit der andere nicht ausrastet und uns bei der Nahrungsaufnahme stört. Das ist keine Moral, das ist metabolische Effizienz.
Absurdes Theater, wohin man blickt.
Haptische Anker
In dieser flüchtigen Suppe aus Bits, thermischem Rauschen und menschlicher Enttäuschung suchen wir instinktiv nach etwas, das noch Masse hat. Etwas, das nicht sofort zerfällt, wenn man es ansieht oder das sich durch ein Software-Update verändert. Man sitzt in seinem klimatisierten Büro, starrt auf flimmernde Bildschirme, die den Untergang der Welt in Echtzeit grafisch aufbereiten, und fühlt sich seltsam leer.
Vielleicht ist das der Grund, warum wir uns mit überteuerten Objekten umgeben. Es ist ein Abwehrmechanismus. Wenn die Welt draußen zerfällt, klammert man sich an die haptische Realität des eigenen Schreibtischs. Da streicht man dann über eine dieser absurden, handgefertigten Schreibtischunterlagen aus italienischem Vollrindleder, und für einen kurzen Moment gaukelt einem die kühle, genarbte Oberfläche vor, es gäbe noch so etwas wie Beständigkeit. Man zahlt Hunderte von Euro nicht für ein Stück Tierhaut, sondern für die Illusion, dass Materie noch einen Wert hat, während der Rest der Welt in Datenströmen und Hysterie verdampft. Es ist der letzte Anker des Bürokraten in einem Meer aus Entropie, ein Stück tote Haut, das paradoxerweise lebendiger wirkt als die gesamte Personalabteilung.
Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass wir die Reibung brauchen. Wir brauchen den Ärger, den Lärm, den Konflikt mit dem Nachbarn. Denn wenn diese Reibungswärme einmal weg ist, wenn alles perfekt effizient und reibungslos läuft, dann sind wir im thermodynamischen Gleichgewicht angekommen. Und das, mein Freund, ist physikalisch gesehen der Tod. Ein perfekt sauberer, stiller, verwalteter Tod.
Ich brauche dringend noch ein Bier.

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