Das Ende der Mühsal

Entropie

Man betet heute den Götzen der Effizienz an, als hinge das Seelenheil davon ab. Aber setzen Sie sich, nehmen Sie einen Schluck – dieses Bier schmeckt ohnehin, als hätte man es durch einen alten Socken gefiltert. Letztes Mal philosophierten wir über die Optimierung von Lieferketten, doch heute müssen wir uns dem widmen, was übrig bleibt, wenn die Optimierung ihr logisches Ende erreicht: dem überflüssigen Menschen.

Wir klammern uns an den Begriff der „Arbeit“ wie Ertrinkende an einen morschen Balken. Dabei ist das, was wir in diesen gläsernen Bürotürmen veranstalten, nichts weiter als ein verzweifelter, biologischer Kampf gegen den Zerfall. Physikalisch betrachtet sind wir lediglich dissipative Strukturen, die minderwertige Energie – meist in Form von lauwarmem Kantinenfraß oder einer Currywurst, deren chemische Zusammensetzung eher einem Brandbeschleuniger gleicht – in thermodynamische Abwärme und völlig sinnfreie E-Mails umwandeln. Wir halten Meetings ab, deren einziger Zweck es ist, die kollektive Angst vor der Stille zu betäuben. Es ist ein Trauerspiel. Hannah Arendt unterschied einst präzise zwischen dem „Arbeiten“, dem bloßen Erhalt des biologischen Lebensprozesses, und dem „Herstellen“, dem Errichten einer beständigen Welt.

Heute sehen wir zu, wie beide Sphären in einer algorithmischen Leere verschwinden. Wenn eine Maschine die zyklische Mühsal des Lebensunterhalts übernimmt, bricht das kognitive Rückgrat des modernen Bürgers. Der Mensch ohne die Notwendigkeit der Plackerei ist wie ein Smartphone mit defektem Akku: Er besitzt theoretisch alle Funktionen, schaltet sich aber bei der geringsten Anforderung ab, weil die Spannung fehlt. Wir haben den Widerstand der Materie durch Silizium ersetzt und wundern uns nun, dass uns die Realität entgleitet.

Wie dumm.

Erscheinung

Wenn das „Labor“, die Schinderei für das tägliche Brot, entfällt, sollte theoretisch Raum für die „Vita activa“ entstehen, das politische Handeln im öffentlichen Raum. Doch blicken Sie sich um. Sehen Sie hier Perikles auf der Agora? Nein. Wir sehen Gestalten, die in einen digitalen Narzissmus flüchten, der so hohl ist wie eine leere Autobatterie im Winter. Die „reine Aktivität“ verkommt zur Simulation.

Wir kompensieren diesen Verlust an Relevanz durch grotesken Konsum. Wir kaufen uns [ergonomische Wunderwerke von Bürostühlen, die preislich einem Kleinwagen konkurrieren](https://www.hermanmiller.com/de_de/products/seating/office-chairs/aeron-chairs/), nur um darin unsere eigene Passivität so rückenfreundlich wie möglich zu verwalten. Wir sitzen in diesen netzbespannten Thronen der Bedeutungslosigkeit, während unser Skelett unter der Last der Unproduktivität weich wird, und starren auf Zahlen, die ein Algorithmus längst besser versteht als wir. Man nennt das „Wissensarbeit“, aber eigentlich ist es nur betreutes Sitzen.

Es ist eine Farce. Um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass wir noch Teil eines schöpferischen Prozesses sind, greifen wir zu absurden Requisiten. Manager unterschreiben banale Urlaubsanträge mit [limiterten Füllfederhaltern aus Edelharz](https://www.montblanc.com/de-de/collection/writing-instruments), deren Preis das Monatseinkommen einer Reinigungskraft übersteigt. Ein Werkzeug der Ewigkeit für eine Tätigkeit, die so flüchtig ist wie der Dampf über diesem schalen Bier. Die Informationstheorie lehrt uns, dass Information die Reduktion von Unsicherheit ist. Wenn aber alles berechenbar wird, wenn der Algorithmus jede Entscheidung vorwegnimmt, sinkt der Informationsgehalt unserer Existenz auf den absoluten Nullpunkt. Wir werden zu statischem Rauschen.

Ich will nach Hause.

Leere

Die Dekonstruktion der Arbeit führt uns unweigerlich in eine soziale Wüste. Wenn die Notwendigkeit der Kooperation wegfällt, weil die Versorgung automatisiert ist, erodiert das, was Arendt das „Inter-esse“ nannte – das, was zwischen den Menschen liegt. Wir werden zu isolierten Monaden, die in ihren privaten Datenblasen rotieren wie Staubkörner im Vakuum. Die totale Automatisierung ist nicht nur ein technisches Upgrade; sie ist eine ontologische Abrissbirne.

Wir sind wie Gäste in einer Kneipe, in der die Getränke intravenös verabreicht werden, um das ineffiziente Heben des Glases zu sparen. Was wir als Fortschritt feiern, ist oft nur die neurochemische Belohnung für den Weg des geringsten Widerstands. Unser Gehirn, dieser faule Klumpen Eiweiß, ist darauf programmiert, Energie zu sparen – ein evolutionärer Bug, der uns in der Ära der Maschinen direkt in die Obsoleszenz führt. Wir optimieren uns zu Tode, schleifen alle Ecken und Kanten ab, bis wir so glatt sind, dass nichts und niemand mehr an uns hängen bleibt. Eine perfekt geölte Maschine, die nichts produziert als ihre eigene Laufzeit.

Einfach schrecklich.

Eine neue Öffentlichkeit unter diesen Vorzeichen würde voraussetzen, dass wir den Mut zur Nutzlosigkeit finden, den Mut, Dinge zu tun, die sich nicht in einer Excel-Tabelle abbilden lassen. Doch solange wir den Wert eines Menschen an seiner Kompatibilität mit der Maschine messen, bleiben wir Sklaven einer Logik, die keine Subjekte kennt, sondern nur Vektoren. Wir haben die Arbeit abgeschafft, aber vergessen, das Leben neu zu erfinden.

Prost.

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