Thermodynamische Agonie

Wir faseln ständig von „Nachhaltigkeit“, als wäre es eine moralische Entscheidung, die wir beim Kauf von überteuerter Hafermilch treffen, während wir uns einbilden, die Welt zu retten. Ein rührender Gedanke für jene, die auch an den Weihnachtsmann oder an eine gerechte Rentenreform glauben. Aber werfen wir diesen klebrigen Sentimentalismus endlich über Bord und blicken wir auf das, was wir „Gesellschaft“ nennen, mit der klinischen Kälte eines Pathologen, der eine verwesende Leiche seziert. Arbeit, Organisationen und dieser ganze erbärmliche Zirkus der „öffentlichen Hand“ sind nichts weiter als der verzweifelte, zum Scheitern verurteilte Versuch, die Thermodynamik zu überlisten. Es geht hier nicht um Ethik, es geht um die nackte, animalische Angst vor dem Erfrieren im eigenen Dreck.

Stase

Eine Stadt ist kein Ort der Begegnung, wie uns die Broschüren der Stadtplanung weismachen wollen. Sie ist eine thermodynamische Anomalie, ein energetischer Kropf. In einem Universum, das unaufhaltsam dem maximalen Chaos entgegenstrebt – dem Zustand, in dem deine Wohnung so aussieht wie dein Kopf nach einer Nacht mit billigem Fusel –, ist ein funktionierender Nahverkehr oder eine öffentliche Parkanlage ein statistisches Ungetümmel, das eigentlich gar nicht existieren dürfte. Wir nennen es hochtrabend „Soziales Gemeinkapital“, aber wissenschaftlich betrachtet ist es nur ein hoffnungslos überforderter Wärmetauscher.

Damit das System „Kapitalismus“ reibungslos Geld von deinem Konto in die Taschen derer schaufeln kann, die ohnehin schon alles besitzen, muss die soziale Reibung – der Gestank von Schweiß in der U-Bahn, die Wut über die defekte Rolltreppe, die tägliche Demütigung durch inkompetente Vorgesetzte – irgendwie abgeführt werden. Öffentliche Güter sind die Kühlflüssigkeit im rostigen Motorblock der Ökonomie. Wenn die Bahn streikt oder die Brücken bröckeln, steigt die Entropie, und zwar schneller, als du eine fehlerhafte Steuererklärung einreichen kannst. Die Teilchen – also wir, die unbedeutenden Rädchen – kollidieren unkontrolliert. Was wir als „Gemeinsinn“ bezeichnen, ist eigentlich nur der neurobiologische Reflex eines Parasiten, die eigene Zerfallsrate zu minimieren. Wir kooperieren nicht aus Nächstenliebe, sondern weil die energetischen Kosten des Alleinseins in einer Welt voller Rechnungen und Mahnungen schlichtweg zu hoch sind. Es ist wie bei einer ranzigen Currywurst am Bahnhof: Man isst sie nicht aus kulinarischer Leidenschaft, sondern um den körperlichen Systemkollaps bis zum Abendessen zu verzögern. Die Stadt ist ein gigantischer, fettiger Filter, der verhindert, dass wir uns gegenseitig an die Gurgel gehen, nur weil das WLAN ausgefallen ist.

Flux

Die Stadt ist das Paradebeispiel für eine dissipative Struktur im Sinne Prigogines – ein System, das nur deshalb so tut, als hätte es eine Ordnung, weil es Energie und Ressourcen aus dem Umland wie ein schwarzes Loch aufsaugt und den resultierenden Müll und die Hitze nach außen exportiert. Jede glänzende Glasfassade, in der sich die Sonne spiegelt, ist nur möglich, weil irgendwo anders ein Dorf in der Bedeutungslosigkeit versinkt oder ein Wald für die nächste Autobahn planiert wird. Das ist das Prinzip der maximalen Entropieproduktion: Das System optimiert sich so, dass es den Energiegradienten am effizientesten abbaut, also die Welt um sich herum so schnell wie möglich in wertlose Wärme verwandelt.

Das „Öffentliche“ ist dabei der Mechanismus, der verhindert, dass das System durch seine eigene Hitzeentwicklung schmilzt. Straßenbeleuchtung, Abwasserkanäle, das lächerliche Rechtssystem – das sind alles Strukturen, die den Energiefluss kanalisieren, damit die Maschine nicht explodiert. Ohne diese Rohre wäre die Stadt kein Reaktor, sondern eine unkontrollierte Jauchegrube. Wir opfern jede Spur von Individualität für die Aufrechterhaltung dieses Flusses. Wir werden zu austauschbaren Einheiten in einer Maschine, die vorgibt, uns Schutz zu bieten, während sie uns eigentlich nur als Batterien benutzt, um den globalen Entropieexport aufrechtzuerhalten. Wir sitzen in klimatisierten Büros, während draußen die Welt verglüht, und kritzeln unsere belanglosen Gedanken über Effizienzsteigerung in einen handgefertigten Terminkalender aus Leder für den Preis eines Kleinwagens, als könnte dieser teure Fetisch die Leere füllen, die durch die totale Systemintegration entstanden ist. Wir verbrauchen unser Leben damit, die Effizienz eines Apparates zu steigern, der uns im Moment unseres Defekts sofort ausspeien wird.

Ich will eigentlich nur nach Hause.

Chaos

Das Problem mit dem maximalen Entropie-Prinzip ist die Einbahnstraße. Je komplexer wir unsere sozialen Sicherungssysteme bauen, desto mehr Energie – also Steuern, Lebenszeit, Nerven – benötigen sie allein für die Selbsterhaltung. Irgendwann verbraucht die Wartung der Bürokratie mehr Ressourcen, als das System an tatsächlichem Nutzen für den Einzelnen generiert. Wir erreichen den Punkt der „thermodynamischen Überschuldung“, an dem jede Reparatur nur ein noch größeres Loch an anderer Stelle reißt.

Was wir als „soziale Ungerechtigkeit“ empfinden, ist oft nur das physikalische Rauschen eines Systems, das seine strukturelle Integrität verliert. Die „öffentliche Hand“ greift ins Leere, weil die dissipative Struktur der Stadt an ihre Grenzen stößt. Die Energie fließt nicht mehr durch die vorgesehenen Kanäle des Rechtsstaats, sondern sucht sich den Weg des geringsten Widerstands – Korruption, Schattenwirtschaft, purer Zerfall. Das ist keine Bosheit der Akteure, es ist einfache Physik: Wenn der Druck zu hoch wird, birst das Rohr. Ein Smartphone-Akku hält auch nicht ewig, egal wie sehr man ihn pflegt oder welche lächerliche Schutzhülle man ihm verpasst. Irgendwann ist die chemische Reaktivität erschöpft, und das Ding wird zum teuren Briefbeschwerer. Gesellschaften sind da nicht anders. Wir polieren die Messingbeschläge auf der Titanic und nennen es „Stadtentwicklung“ oder „Smart City“, während das Salzwasser bereits in den Maschinenraum sprudelt und die Ratten das Schiff verlassen.

Alles, was wir erschaffen, ist nur ein geliehener Moment gegen das Unvermeidliche. Die Ordnung ist eine Lüge, die wir uns erzählen, um morgens überhaupt aufstehen zu können. Prost auf den Untergang.

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