Setzen wir uns. Nein, nicht an den runden Tisch, der wackelt – ein klassisches Beispiel für mangelhafte mechanische Redundanz. Bestellen Sie mir ein Helles, aber ein ehrliches, kein handgeklöppeltes Craft-Bier mit dem Aroma von Verzweiflung und Zitronengras.
Wissen Sie, was das Problem mit der modernen Management-Kultur ist? Sie glauben alle an das Perpetuum Mobile der menschlichen Kognition. „Lebenslanges Lernen“, „Agile Transformation“, „Resilienz-Training“ – das sind die Euphemismen einer Gesellschaft, die vergessen hat, dass das Gehirn kein unendlicher Cloud-Speicher ist, sondern eine biologische Maschine, die nach den gnadenlosen Gesetzen der Thermodynamik operiert. Man schickt seine Mitarbeiter in ein Wochenendseminar zur „Mindset-Optimierung“ und erwartet, dass sie am Montag als frisch formatierte Festplatten zurückkehren. Völliger Blödsinn. Denken Sie an eine billige Teflonpfanne, in die sich einmal das Eiweiß eingebrannt hat. Sie können schrubben, so viel Sie wollen, die Oberfläche ist hinüber. Das Gehirn ist diese Pfanne. Jeder dämliche Workshop, jede passive-aggressive E-Mail brennt eine weitere Schicht Unrat in Ihre Synapsen, bis am Ende alles nur noch kleben bleibt. Es geht nicht um „Wachstum“, es geht um das langsame Verrotten unter dem Deckmantel der Professionalität.
Verschleiß
Betrachten wir das menschliche Bewusstsein als ein Nicht-Gleichgewichtssystem. Wir nehmen Energie auf – meistens in Form von mittelmäßigem Kantinenessen, das nach feuchter Pappe schmeckt, und zu viel lauwarmem Koffein – und geben Arbeit und Wärme ab. Doch dazwischen passiert etwas Unheimliches: Die Produktion von Entropie. Jede Entscheidung, welches Font in der Präsentation weniger beleidigend wirkt, jeder Versuch, die Frustration über die Unfähigkeit des Vorgesetzten herunterzuschlucken, ist ein energetischer Akt, der Abfall produziert.
Wenn Sie einen Gedanken fassen, feuern Neuronen. Aber eben nicht ohne Reibung. Denken ist im Grunde nichts anderes als das kontrollierte Verbrennen von Möglichkeiten. Es ist wie bei einer Autobatterie im tiefsten Winter, die man morgens bei minus zehn Grad zwingt, einen alten Diesel zu starten. Man hört das klägliche Jaulen, das Metall-auf-Metall-Geräusch. Irgendwann ist die chemische Kapazität so weit im Keller, dass selbst das hellste Ladegerät nur noch ein kurzes Aufflackern bewirkt. Wer glaubt, er könne sich am Wochenende „regenerieren“, hat die Physik nicht verstanden. Sie können eine Kerze nicht wieder zusammenbauen, nachdem Sie sie angezündet haben. Das Wachs ist weg, das Licht ist weg, und alles, was bleibt, ist der Gestank nach verbranntem Docht und die Rußflecken an der Decke.
Gott, ist das stickig hier drin. Man kriegt kaum Luft, während man über den eigenen Verfall philosophiert.
Entropie
In der Welt der Betriebswirtschaft wird „Erfahrung“ als Asset verbucht. In der Welt der Physik ist Erfahrung schlichtweg die irreversible Zunahme von Unordnung. Stellen Sie sich ein Zimmer vor, in dem Sie jahrelang nur Dinge hineingeworfen, aber nie aufgeräumt haben. Irgendwann finden Sie die Tür nicht mehr. Das ist Ihr Gehirn nach zehn Jahren im mittleren Management. Jeder neue Prozessschritt, jede neue Compliance-Richtlinie erhöht die notwendige Rechenleistung des einzelnen Individuums, bis die CPU-Temperatur den Schmelzpunkt erreicht.
Wir reden hier von der informationstheoretischen Erosion. Wenn ein Projektmanager zum zehnten Mal versucht, eine Deadline zu erklären, die physikalisch unmöglich ist, erzeugt er in den Köpfen seiner Zuhörer keine Klarheit, sondern thermisches Rauschen. Es ist wie das Geräusch einer kaputten Dunstabzugshaube, die man irgendwann gar nicht mehr bewusst wahrnimmt, die einem aber trotzdem den letzten Nerv raubt. Diese neuronale Abwärme ist kein psychologisches Problem, das man mit Yoga wegatmen kann. Es ist eine statistische Notwendigkeit.
Was mich wirklich fassungslos macht, ist die Arroganz, mit der wir versuchen, diesen Zerfall mit absurden Konsumgütern zu bekämpfen. Da geben Leute tatsächlich Unmengen an Geld aus – wir reden hier von fast zweitausend Euro – für einen sogenannten ergonomischen Bürostuhl, in der Hoffnung, dass eine pneumatische Federung und ein bisschen Netzgewebe den geistigen Kollaps verhindern könnten. Als ob eine Lordosenstütze das Gehirn davon abhalten könnte, unter der Last der eigenen Entropie zu Staub zu zerfallen. Man sitzt bequem, während man innerlich verblutet. Lächerlich. Es ist die reinste Form der Verzweiflung, die sich als Optimierung tarnt. Wer so viel Geld bezahlt, um seinen körperlichen Verfall beim Starren auf Excel-Tabellen zu polstern, hat den Kampf gegen die Entropie bereits verloren.
Zerfall
Die Nicht-Gleichgewichtsthermodynamik lehrt uns, dass ein System, das zu weit vom Gleichgewicht entfernt ist, zu Instabilitäten neigt. In der Theorie führt das zu neuen Ordnungsstrukturen – in der Praxis führt es dazu, dass Sie nach Feierabend vor dem Fernseher sitzen und nicht einmal mehr verstehen, was in einer Zeichentrickserie passiert. Die Welt wird zum weißen Rauschen eines analogen Fernsehers, der kein Signal mehr empfängt. Das ist der Punkt der totalen Irreversibilität.
Man kann ein System nicht unendlich lange gegen den Gradienten der Entropie drücken. Irgendwann ist die „Struktur“ des Ichs so weit verschlissen, dass sie keine Information mehr verarbeiten kann. Es ist wie eine alte Kassette, die man zu oft überspielt hat: Am Ende hört man nur noch ein dumpfes Grollen und das Echo von Dingen, die man vor Jahren einmal wichtig fand. Die kognitive Kapazität ist „abgenutzt“, wie die Sohlen billiger Schuhe auf dem Asphalt einer Stadt, die niemals schläft, aber ständig gähnt.
Wir bilden uns ein, wir könnten durch Urlaub oder „Digital Detox“ den Zähler wieder auf Null setzen. Aber die Thermodynamik kennt kein Erbarmen. Jedes Erlebnis, jeder Stressor ist in die Geometrie Ihrer neuronalen Bahnen eingraviert. Wir sind Wanderer auf einer Einbahnstraße, und der Boden hinter uns bricht ständig weg. Es gibt kein Zurück in den Zustand der Unschuld oder der vollen Leistungsfähigkeit. Wir sind nur dissipative Strukturen, die Wärme abgeben, bis die Umgebungstemperatur erreicht ist.
Ich brauche noch ein Bier. Das hier ist schon wieder viel zu warm geworden. Irreversibel warm, wie alles in diesem gottverlassenen Laden.

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