Entropie im Anzug

Man hockt in diesen muffigen Konferenzräumen, starrt auf den Fettfleck auf der Krawatte des Moderators und nippt an einem Filterkaffee, der so bitter ist wie die eigene Scheidung. Man nennt es „Business Continuity Planning“. Ein schöner, angelsächsischer Name für den verzweifelten Versuch, in einem lichterloh brennenden Haus die Vorhänge zu bügeln. Wir klammern uns an diese Aktenordner, als wären sie Rettungsringe aus Blei, während der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik uns höhnisch ins Gesicht lacht. Alles strebt nach Unordnung. Jede Firma, jeder Konzern, jedes noch so glänzende Startup ist nichts weiter als ein organisierter Haufen Schrott, der nur deshalb noch nicht auseinandergefallen ist, weil wir ständig frisches Geld und die Lebenszeit von Mittzwanzigern hineinschütten.

Es ist eine Beleidigung der Intelligenz, das als „Strategie“ zu bezeichnen. Es ist Physik für Arme, verpackt in Powerpoint-Folien.

Die Thermodynamik des Hungers

Ein Unternehmen ist physikalisch betrachtet eine sogenannte dissipative Struktur. Klingt klug, meint aber im Grunde nur: Es ist ein System, das nur existiert, solange es Energie aus der Umgebung frisst und Entropie – also Müll, Frust und heiße Luft – wieder ausscheidet. Betrachten Sie Ihre Firma wie Ihren eigenen Körper nach einer Nacht mit zu viel billigem Schnaps und fettiger Currywurst am Bahnhofskiosk. Sie führen hochwertige Energie zu, und was am Ende herauskommt, ist lediglich Gestank und die bittere Erkenntnis, dass Ihr Stoffwechsel am Limit läuft.

Organisationen tun dasselbe. Sie importieren „Negentropie“ in Form von hoffnungsvollen Absolventen, Patenten und saftigen Bankkrediten. Aber dieser Prozess ist von einer grauenhaften Ineffizienz geprägt. Ein Großteil dieser Energie geht als Reibungsverlust verloren – wir nennen das euphemistisch „Unternehmenskultur“ oder „Team-Building“. In Wahrheit ist es die thermische Abwärme menschlicher Inkompetenz. Während Sie versuchen, den Laden am Laufen zu halten, fressen die Fixkosten Ihr Potenzial auf, genau wie die Mahngebühren Ihres überzogenen Dispokredits Ihre Nachtruhe fressen. Man sitzt auf einem Herman Miller Aeron, der mehr kostet als ein gebrauchter Kleinwagen, und spürt doch nur den stechenden Schmerz im unteren Rücken, der einen daran erinnert, dass man auch in einem ergonomischen Wunderwerk aus Mesh-Gewebe nur ein biologisches Verschleißteil ist, das langsam, aber sicher verschlissen wird.

Der bürokratische Infarkt

Damit dieser Zerfall nicht sofort zum totalen Kollaps führt, braucht es einen Informationsmetabolismus. Das klingt nach Silicon Valley, fühlt sich aber an wie eine Darmspiegelung ohne Betäubung. Information muss fließen, damit das System nicht erstarrt. Aber was fließt da eigentlich durch die Glasfaserkabel? Es sind keine bahnbrechenden Erkenntnisse zur Rettung der Menschheit. Es sind CC-E-Mails, in denen sich drei Ebenen des Managements gegenseitig absichern, damit am Ende niemand schuld ist, wenn das Projekt unvermeidlich vor die Wand fährt. Das ist die „negative Entropie“ der Moderne: Die Umwandlung von echter, wertschöpfender Arbeit in digitales Rauschen.

Stellen Sie sich vor, Sie versuchen, ein Loch in einem sinkenden Boot mit Kaugummi zu stopfen, während Sie gleichzeitig ein dreiseitiges Protokoll darüber schreiben müssen, welche Farbe der Kaugummi hat und ob er vegan ist. Das ist das tägliche Brot des mittleren Managements. Diese Leute sind die Maxwellschen Dämonen der Bürokratie. Sie sortieren die Informationen in „wichtig“ und „unwichtig“, wobei „wichtig“ meistens das ist, was den Chef nicht aus seinem Mittagsschlaf reißt. Dabei verkrampfen sie ihre Finger um einen Montblanc Meisterstück, als könnte der bloße Besitz eines dreihundert Euro teuren Schreibgeräts die Tatsache kaschieren, dass sie nur bedeutungslose Unterschriften unter wertlose Dokumente setzen. Es ist ein rührendes Schauspiel der Eitelkeit in einer Welt, die sich längst für den thermischen Tod entschieden hat.

Jedes Meeting ist ein Entropie-Beschleuniger. Die Luft wird stickiger, die Augenlider schwerer, und die einzige „Continuity“, die man spürt, ist das leise Ticken der Wanduhr, die einem unmissverständlich klarmacht, dass man diese Stunde Lebenszeit niemals zurückbekommt. Man starrt auf die Präsentation und sieht nur noch bunte Pixel, die versuchen, den drohenden Bankrott in eine „Herausforderung“ umzudeuten. Es ist wie das Backen einer Torte aus Sägemehl: Man kann sie verzieren, wie man will, sie bleibt ungenießbar und staubtrocken.

Der süße Duft der Autolyse

Wahres Business-Survival gibt es nicht. Es gibt nur das Hinauszögern des Unvermeidlichen. Wenn der Informationsfluss stockt, beginnt die Autolyse. Das Unternehmen fängt an, sich selbst zu verdauen. Erst werden die kostenlosen Äpfel in der Teeküche gestrichen, dann wird das zweilagige Klopapier gegen Schmirgelpapier getauscht, und schließlich stellt man fest, dass die viel gepriesene „digitale Transformation“ nur bedeutet hat, dass man jetzt auf teureren Computern langsamere Arbeit verrichtet.

Wir füttern Algorithmen und hoffen auf ein Wunder. Wir glauben, wenn wir nur genug Daten sammeln, könnten wir das Chaos beherrschen. Aber Daten sind kein Wissen, so wie ein Haufen Ziegelsteine kein Haus ist. Wir bauen gewaltige digitale Kathedralen aus Information, während das Fundament aus echtem Fleisch und Blut längst verrottet ist. Man schaut auf seinen Rimowa-Koffer, der im Flur steht und auf die nächste sinnlose Geschäftsreise nach nirgendwo wartet, und begreift, dass die glänzende Aluminiumhülle das Einzige ist, was noch Struktur hat. Innen herrscht nur noch ungeordnetes Chaos aus zerknitterten Hemden und unerledigten Spesenabrechnungen.

Business Continuity ist die Lüge, die wir uns erzählen, um morgens aus dem Bett zu kommen, anstatt einfach liegen zu bleiben und darauf zu warten, dass die Sonne erlischt. Es ist der verzweifelte Tanz auf dem Vulkan, während man versucht, die Hitze unter den Sohlen als „angenehmes Betriebsklima“ zu verkaufen.

Verschwinden Sie jetzt. Ihr Gejammer über „Resilienz“ ist lauter als der tatsächliche Nutzen Ihrer Existenz. Gehen Sie nach Hause und schauen Sie zu, wie Ihr Kühlschrank Eis ansetzt – das ist die einzige Form von Ordnung, die Sie in Ihrem Leben noch unter Kontrolle haben. Und selbst das ist nur eine Frage der Zeit.

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