Der Montag als physikalische Unmöglichkeit
Wenn man am Montagmorgen die Konferenzraumtür öffnet und einem dieser spezifische Geruch aus kaltem Kaffee, Angstschweiß und der Ausdünstung von billigem Teppichboden in die Nase steigt, riecht man nicht einfach nur schlechte Hygiene. Man riecht den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Schauen Sie sich um: Die Gesichter der Kollegen, die vom bläulichen Licht des Beamers angeleuchtet werden wie Wachsfiguren in einem Gruselkabinett, strahlen eine fast greifbare Leere aus. Eigentlich müsste dieses ganze bizarre Konstrukt, das wir „Firma“ nennen, unter der Last seiner eigenen Ineffizienz längst in sich zusammengefallen sein. Dass wir hier noch sitzen und über „Synergien“ faseln, ist kein Triumph des Geistes, sondern eine statistische Anomalie, die eigentlich den sofortigen Widerruf aller bekannten Naturgesetze zur Folge haben müsste.
Es ist einfach nur furchtbar. Wir sind Gefangene in einem System, das physikalisch betrachtet gar nicht existieren dürfte.
Der hungrige Heizkessel
Was Unternehmensberater gerne mit Hochglanzbegriffen wie „Business Continuity“ oder „Sustainable Growth“ vernebeln, ist bei Lichte betrachtet nichts weiter als ein brutaler Kampf gegen den Wärmetod. Ein Unternehmen ist eine dissipative Struktur – ein offenes System, das permanent Energie durchpumpen muss, um nicht in den Zustand maximaler Unordnung (Insolvenz) zu zerfallen. Ilya Prigogine erhielt dafür den Nobelpreis, wir erhalten dafür Magengeschwüre.
Die sogenannte „Negentropie“ (negative Entropie), die wir importieren müssen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, ist keine abstrakte Größe. Sie ist der nackte Raubbau an Ressourcen. Wir saugen die Lebensenergie junger Absolventen auf, verbrennen Risikokapital wie billige Kohle und nennen das Ergebnis „Wertschöpfung“. Ein CEO ist im Grunde nichts anderes als ein glorifizierter Heizer vor einem rostigen, pfeifenden Kessel, der verzweifelt versucht, den Druck zu halten, ohne dass ihm das ganze Ding um die Ohren fliegt. Er wirft Bündel von Banknoten in das Feuer, in der vagen Hoffnung, dass die Turbine sich noch ein paar Runden dreht, bevor das unvermeidliche Gleichgewicht eintritt: die Stille.
Die Illusion der Struktur
Um die absolute Panik vor diesem Zerfall zu kaschieren, bauen wir Strukturen. Wir errichten Hierarchien, die so stabil wirken wie Kartenhäuser im Windkanal. Wir definieren Prozesse, die einzig und allein dem Zweck dienen, die Verantwortung so fein zu zerstäuben, dass niemand mehr greifbar ist, wenn das Projekt gegen die Wand fährt. Das ist keine Organisation, das ist Reibungswärme. Jeder Abteilungsleiter versucht, seine eigene kleine Insel der Ordnung zu schaffen, indem er das Chaos einfach in die Nachbarabteilung exportiert.
In diesem grotesken Theater der Scheineffizienz klammern wir uns an materielle Fetische. Wir glauben, dass, wenn wir uns nur fest genug an einen ergonomischen Bürostuhl der absoluten Spitzenklasse krallen, die Realität uns nicht einholen kann. Wir kaufen Designermöbel für die Lounge, während im Serverraum die Kabel schmoren. Das ist so, als würde man auf der Titanic die Liegestühle neu lackieren, während der Eisberg bereits das Buffet abräumt. Diese lächerlichen Symbole des Status sind der Versuch, die innere Leere mit teurem Leder und gebürstetem Aluminium zu füllen. Aber die Entropie lässt sich nicht durch Sitzkomfort bestechen.
Agilität als kontrollierter Wahnsinn
Und dann kommt „Agile“. Wenn die klassischen Strukturen versagen, nennt man das Chaos einfach „Feature“. Selbstorganisation ist in der Physik das Phänomen, bei dem aus Turbulenz plötzlich Muster entstehen – wie bei einem Tornado. Im Büro bedeutet Selbstorganisation meistens nur, dass niemand mehr weiß, wer eigentlich zuständig ist, und wir uns alle in einem Kreis drehen und dabei „Scrum“ rufen. Wir simulieren Bewegung, um den Stillstand zu verbergen.
Wir bewegen uns auf einem seltsamen Attraktor, einer mathematischen Kurve, die uns immer wieder an denselben Punkt der Verzweiflung führt, egal wie viele „Sprints“ wir hinlegen. Unsere Entscheidungen sind keine Produkte freien Willens, sondern reflexartige Zuckungen auf externe Schocks, vergleichbar mit einem toten Froschschenkel unter Stromfluss. Die gesamte moderne Arbeitswelt ist ein gigantischer Wärmetauscher, der hochwertige menschliche Lebenszeit in minderwertige Abwärme – PowerPoint-Präsentationen und Excel-Tabellen – umwandelt.
Am Ende gewinnt immer Ludwig Boltzmann. Die Unordnung nimmt zu. Jede Akte, die wir sortieren, erzeugt an anderer Stelle mehr Chaos, als wir beseitigt haben. Wir sind keine Schöpfer, wir sind Parasiten der Ordnung, die auf dem Rücken eines sterbenden Planeten ihre kleinen bürokratischen Tänze aufführen. Die Frage ist nicht, ob das System kollabiert, sondern wie viel teuren Rotwein wir noch auf Spesenabrechnung trinken können, bevor das Licht ausgeht.
Prost auf die Dissipation.

コメント