Statistische Agonie

Setzen wir dort an, wo die Vernunft endet: bei der rührenden Vorstellung, dass menschliche Arbeit ein Akt der Schöpfung sei. Ein nettes Märchen für den Feierabend, das man sich bei einem lauwarmen Pils erzählt, während die eigene Lebenszeit in den klebrigen Teppichböden der Frankfurter Bürokomplexe versickert. Wenn man jedoch die vernebelten Glaspaläste der City oder die stickigen Coworking-Spaces in Berlin-Mitte, in denen es penetrant nach Angstschweiß und überteuertem Hafermilch-Kaffee riecht, mit der kalten Präzision eines Spektrometers betrachtet, schmilzt diese Romantik schneller dahin als eine billige Discounter-Salami in der Mittagssonne.

Thermodynamik für Arme

Was wir mit pathetischem Unterton „Marktwettbewerb“ nennen, ist in Wahrheit nichts anderes als eine großangelegte Übung in angewandter statistischer Thermodynamik. Ein Unternehmen ist kein Organismus, der nach „Werten“ oder „Innovation“ strebt – es ist eine dissipative Struktur, die verzweifelt versucht, ihre interne Entropie in die Umwelt zu kotzen, bevor das gesamte Kartenhaus den thermischen Tod erleidet. Wir sitzen in fensterlosen Konferenzräumen, fressen trockene Kekse, die nach Pappe schmecken, und starren auf PowerPoint-Folien, deren einziger Zweck es ist, die totale Sinnlosigkeit unseres Daseins zu kaschieren. Wir sind keine Strategen; wir sind lediglich erhitzte Partikel in einem System, das versucht, seine Reibungshitze loszuwerden. Jeder „Key Performance Indicator“ ist nur ein Fieberthermometer im Arsch eines sterbenden Geschäftsmodells. Der Markt verlangt nicht nach Genialität, er verlangt nach der effizientesten Form der Energieverschwendung.

Die Tyrannei der Vorhersehbarkeit

Betrachten wir das Prinzip der Minimierung der freien Energie. In der Biologie und der Informationstheorie versucht jedes System, die Differenz zwischen seinen internen Modellen und der chaotischen, stinkenden Außenwelt zu minimieren. Überraschung ist teuer. Überraschung ist eine Fehlermeldung im Gehirn, die sich anfühlt wie eine Mahnung vom Finanzamt, die man am Samstagmorgen im Briefkasten findet. Ein modernes Unternehmen investiert heute keine Millionen in „Kreativität“, sondern in algorithmische Filterblasen, um die letzte unvorhersehbare Variable – den Kunden – endlich mundtot zu machen.

Es ist wie bei einer alten Autobatterie im tiefsten Winter in Brandenburg: Man weiß ganz genau, dass sie beim nächsten Zündversuch krepieren wird, aber man investiert Unmengen an Energie und Selbstbetrug in den Versuch, den unvermeidlichen Spannungsabfall zu ignorieren. Der Markt ist ein gigantischer Kühlkörper für menschliche Frustration. Die Akteure rennen im Hamsterrad, nicht um irgendwo anzukommen – wo sollte man auch hin? –, sondern um die Reibungshitze ihrer eigenen existenziellen Ineffizienz abzustrahlen. Wettbewerb ist die physikalische Notwendigkeit, Informationen so schnell wie möglich zu entwerten, damit der nächste Zyklus des sinnlosen Konsums beginnen kann. Wer heute noch von „Marktanteilen“ faselt, meint eigentlich nur seinen Platz an der Futterkrippe, bevor die Güllegrube überläuft.

Extraktion des Lebendigen

Hier betreten die automatisierten Rechenmodelle die Bühne. Wir huldigen diesen algorithmischen Komplexen wie neuen, unsichtbaren Gottheiten, dabei sind sie lediglich hocheffiziente Staubsauger für negative Entropie. Während der durchschnittliche Angestellte, dieser bemitleidenswerte Statist der Bürokratie, noch versucht, seine Existenzberechtigung durch das manuelle Verschieben von Zellen in einer Excel-Tabelle zu beweisen, haben diese Systeme längst verstanden, dass der Mensch nur eine fehlerhafte Datenquelle ist.

Sie extrahieren Ordnung aus dem Rauschen unserer banalen Alltagssorgen. Sie finden Muster in der Beliebigkeit unseres Konsumverhaltens, das so vorhersehbar ist wie die Schlange vor einer ranzigen Currywurst-Bude um Punkt zwölf, wenn die Bauarbeiter und die Junior-Consultants sich brüderlich im Fettgestank vereinen. Der Algorithmus ist der ultimative deutsche Beamte: Er toleriert keine Abweichung, keine Poesie, keine thermodynamische Verschwendung. Er presst das Leben in eine Gauß-Verteilung, bis nur noch ein steriler Restwert übrig bleibt, den man bequem verbuchen kann. Es ist fast schon beleidigend, wie wir uns einbilden, mit unserer sogenannten „Intuition“ gegen eine mathematische Singularität anzukämpfen, die darauf programmiert ist, jegliche Varianz zu glätten, bis die Welt so flach und geschmacklos ist wie ein belegtes Brötchen beim Bäcker-Filialisten.

Haptische Kapitulation

Was bleibt uns also in dieser Welt der maximalen, kühlen Effizienz? Wenn jede unserer Bewegungen bereits berechnet wurde, bevor wir überhaupt den ersten schlechten Kaffee des Tages getrunken haben? Wir umgeben uns mit Fetischen der Ordnung, um die eigene informationelle Bedeutungslosigkeit zu kaschieren. Wir flüchten uns in die Haptik, in das Analoge, in den physischen Widerstand gegen die totale digitale Glättung. Ich sah neulich jemanden, der in einem Meeting saß und mit einer Arroganz, die nur völlige Ignoranz rechtfertigt, seine Notizen in ein handgefertigtes Notizbuch aus feinstem, japanischem Kalbsleder kritzelte. Das Ding kostet wahrscheinlich mehr als die Monatsmiete für ein Loch in Neukölln. Warum kauft man so einen prätentiösen Unfug? Nicht, um wichtige Gedanken festzuhalten – solche Gedanken existieren in diesen Etagen ohnehin nicht. Man kauft es, um der algorithmischen Entropie ein haptisches Stück „Widerstand“ entgegenzusetzen. Ein teurer, analoger Fehler im System, eine letzte Bastion gegen die totale Vorhersehbarkeit der eigenen Mittelmäßigkeit.

Aber machen wir uns nichts vor: Auch dieses Leder wird durchfettet werden. Die Tinte wird verblassen, und die Seiten werden vergilben wie die Zähne eines Kettenrauchers. Die Thermodynamik gewinnt immer. Am Ende ist ein DAX-Unternehmen nur ein etwas komplexeres Kaffeekränzchen für Leute in schlecht sitzenden Anzügen, die versuchen, die Zeit bis zur totalen Unordnung mit komplizierten Begriffen wie „Synergie“ oder „Agilität“ zu füllen. Wir minimieren die freie Energie, bis wir selbst zu statischem Rauschen werden. Die Maschinen nehmen uns nicht die Arbeit weg. Sie nehmen uns viel Schlimmeres: die Illusion, dass unsere Unordnung, unser Chaos und unsere kleinen täglichen Fehler irgendeinen gottverdammten Wert hätten. Wir sind nur Variablen in einer Gleichung, die bereits gelöst wurde, bevor wir heute Morgen die Augen aufgeschlagen haben.

Der Rest ist nur noch das Geräusch der Heizung in einem leeren Raum.

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