Rostige Ordnung

Die Statistik des Schimmels

Schauen Sie sich dieses Elend vor dem Fenster an. Seit Monaten versuchen Männer in leuchtenden Warnwesten, ein Loch im Asphalt zu flicken, das wahrscheinlich schon existierte, als Bismarck noch an der Sozialgesetzgebung feilte. Man nennt das euphemistisch „Infrastrukturvorsorge“. In Wahrheit ist es nichts weiter als der verzweifelte, hysterische Versuch eines biologischen Kollektivs, den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik durch das Ausfüllen von Formularen und das Umherschaufeln von Dreck außer Kraft zu setzen.

Vergessen Sie die hochtrabenden Begriffe aus den Physiklehrbüchern. Wir müssen nicht über „Negentropie“ oder „dissipative Strukturen“ philosophieren, um zu verstehen, was hier geschieht. Es ist viel banaler. Es ist dasselbe Prinzip, das dafür sorgt, dass das frische Brot in Ihrer Küche schimmelt, sobald Sie ihm den Rücken zukehren, oder dass Ihr Gehalt am Monatsende spurlos im Nichts verschwindet. Die physikalische Realität kennt keine Erhaltung der Ordnung. Ein Brückenbauprojekt oder eine Behörde sind thermodynamisch betrachtet nichts anderes als ineffiziente Heizlüfter: Sie verbrennen Unmengen an Energie – also Steuergelder und menschliche Lebenszeit –, nur um für einen flüchtigen Moment so zu tun, als gäbe es so etwas wie Stabilität.

Jede „Investition“ ist im Grunde nur ein teurer Kauf von Zeit, bevor der Rost gewinnt. Wir bauen keine Monumente für die Ewigkeit; wir errichten lediglich Strukturen, deren Verfallsprozess wir hoffen, nicht mehr selbst miterleben zu müssen. Eine Autobahnbrücke ist physikalisch gesehen ein sehr langsames Feuerwerk. Sie beginnt in dem Moment zu zerfallen, in dem der letzte Zementwagen abfährt. Was wir „Nachhaltigkeit“ nennen, ist lediglich die perverse Kunst, den Knall so weit hinauszuzögern, dass die Rechnung erst der nächsten Generation präsentiert wird.

Der metabolische Sumpf

Warum also tun wir uns diesen Sisyphus-Wahnsinn an? Warum akzeptieren wir, dass Berlin oder Brüssel Milliarden in Projekte pumpen, die so beständig sind wie eine Schneeflocke in der Hölle? Die Antwort liegt im Stoffwechsel der Bürokratie. Ein Organismus, der aufhört zu fressen und auszuscheiden, stirbt. In der Sprache der Thermodynamik bedeutet das Erreichen des Gleichgewichts den Tod. Ein Amt, das keine Akten mehr produziert, keine Genehmigungen mehr verweigert und keine Budgets mehr verbrennt, hat seine Existenzberechtigung verloren.

Deshalb muss das System fressen. Es ist ein gefräßiger Moloch, der reines Kapital – die kristallisierte Arbeitskraft der Bürger – oben hineinstopft und es durch einen dichten Dschungel aus Ausschüssen, Gutachten, Planungsfehlern und Korruption presst. Was unten herauskommt, ist ein brauner Brei aus Inkompetenz und baulichem Pfusch. Betrachten Sie den Vorgang genau: Ein Euro Steuergeld wird in das System eingespeist. Auf seinem Weg durch die Instanzen wird er angenagt von Beratern, verdaut von Verwaltungsapparaten und zersetzt durch jahrelange Verzögerungen. Am Ende landet vielleicht noch der Gegenwert von fünf Cent auf der Straße in Form von minderwertigem Teer, der beim ersten Frost aufbricht.

Dieser metabolische Prozess ist nicht darauf ausgelegt, Ergebnisse zu liefern. Er ist darauf ausgelegt, den Durchfluss aufrechtzuerhalten. Die Bewegung des Geldes ist wichtiger als das Ziel. Wenn ein Projekt pünktlich und im Budget fertiggestellt würde, wäre das für die Bürokratie eine Katastrophe – der Fluss würde versiegen, die Wärme würde aufhören zu strahlen, das System würde erkalten. Also wird das Chaos künstlich am Leben erhalten. Man „investiert“ in Lösungen für Probleme, die man selbst geschaffen hat, nur um den Kreislauf der Verschwendung am Laufen zu halten.

Die Illusion der Beständigkeit

Wir Menschen lassen uns gerne täuschen. Wir klammern uns an Symbole der Ordnung, weil die Alternative – das Eingeständnis, dass wir auf einem Felsen leben, der unaufhaltsam dem Wärmetod entgegenrasen – zu deprimierend wäre. Wir kaufen uns teure Artefakte, um uns eine kleine, private Insel der scheinbaren Ewigkeit zu schaffen. Es ist derselbe Impuls, der jemanden dazu bringt, sich eine dieser sündhaft teuren, minimalistischen Bauhaus-Tischleuchten auf den Schreibtisch zu stellen. Man zahlt hunderte von Euro nicht für das Licht, sondern für die Lüge, dass poliertes Metall und geometrische Strenge die Zeit anhalten könnten. Es ist ein haptischer Betrug. Das Ding sieht aus wie ein Monument der Unvergänglichkeit, aber am Ende ist es nur ein weiterer Staubfänger, dessen Kabel spröde werden und dessen Schalter irgendwann den Geist aufgeben.

Genau so verhält es sich mit unseren öffentlichen Großprojekten. Sie sind die Bauhaus-Lampen der Politik. Sie glänzen bei der Eröffnung, man schneidet Bänder durch, man hält Reden über „Zukunft“ und „Erbe“. Aber das ist alles nur Theaterdonner, um den Lärm des unausweichlichen Zerfalls zu übertönen. Wir errichten Potemkin’sche Dörfer aus Stahlbeton und nennen es Zivilisation.

Zerfall

Hören wir also auf, uns etwas vorzumachen. Wenn wir die Bilanz eines öffentlichen Projekts ziehen, sollten wir aufhören, in Euro zu rechnen. Wir sollten messen, wie viel Unordnung wir erzeugt haben, um ein kleines bisschen lokale Ordnung zu simulieren. Ein Tunnel, dessen Bau mehr Energie verschlingt und mehr Chaos in der Stadtplanung verursacht, als er in hundert Jahren an Verkehrsfluss einsparen kann, ist kein Fortschritt. Er ist ein entropisches schwarzes Loch. Er saugt Ordnung ein und spuckt Chaos aus.

„Nachhaltigkeit“ in einem Universum, das auf maximale Unordnung zustrebt, ist eine hübsche Lüge für Kinder und Wähler. Wir sind wie Strandbesucher, die versuchen, eine Sandburg gegen die Flut zu verteidigen, und dabei so tun, als wäre das ein langfristiger Immobilienplan. Die Physik lacht zuletzt. Die Wahrscheinlichkeit für Fehler, für Rost, für Zerfall und für bürokratischen Schwachsinn ist immer größer als die Wahrscheinlichkeit für das Gegenteil.

Morgen früh werden sie das Loch vor meinem Fenster wieder zugeschüttet haben. Und ich wette mein letztes Hemd darauf, dass nächste Woche ein anderer Bautrupp anrückt, um denselben Asphalt wieder aufzureißen, weil irgendjemand im Planungsamt vergessen hat, das Glasfaserkabel zu verlegen. Ein herrlicher, verlustreicher Kreislauf, der niemandem dient außer der Entropie selbst. Prost.

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