Wer heute noch unironisch von „organisatorischer Stabilität“ schwafelt, hat meistens Mundgeruch. Während in den Vorstandsetagen Begriffe wie „Nachhaltigkeit“, „Resilienz“ und „Konsolidierung“ als moralische Imperative herumgereicht werden, spielt sich im Maschinenraum längst die physikalische Unausweichlichkeit ab. Was diese Herrschaften als Erfolg verkaufen – das pure Überleben einer Firma über Jahrzehnte hinweg –, ist in Wahrheit nichts anderes als ein verzweifelter, fast schon obszöner Kampf gegen den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Eine Organisation, die „stabil“ ist, ist im physikalischen Sinne tot. Sie ist ein geschlossenes System, das wie eine vergessene Tupperdose im Kühlschrank langsam vor sich hin gammelt.
Die Physik der Bürokratie-Fettpolster
Stellen Sie sich ein junges Start-up vor. Am Anfang herrscht niedrige Entropie. Es gibt Visionen, Energie, vielleicht sogar so etwas wie einen Sinn. Doch sobald das System wächst, beginnt es, intern Fett anzusetzen. In der Physik nennen wir das Entropiezuwachs, in der Betriebswirtschaftslehre nennt man es „Middle Management“. Jede neue Hierarchieebene, jedes „Alignment-Meeting“ und jede Compliance-Richtlinie, die eigentlich Ordnung schaffen soll, erhöht paradoxerweise das informationelle Rauschen.
Das Unternehmen verwandelt sich in einen dieser überzüchteten deutschen Oberklassewagen aus den späten 90ern: Der Motor hat zwar zwölf Zylinder, aber das Ding steht permanent in der Werkstatt, weil ein winziger Sensor in der Sitzheizung die gesamte Bordelektronik lahmlegt. Die Energie, die eigentlich für die Fortbewegung – also produktive Arbeit – gedacht war, verpufft fast vollständig als Reibungsverlust. Was Sie als emsiges Tippen in Großraumbüros hören, ist nicht der Klang von Wertschöpfung. Es ist das Ächzen eines Systems, das 90 Prozent seiner Energie darauf verwendet, sich nicht selbst in seine Einzelteile zu zerlegen. Dieser Reibungsverlust manifestiert sich olfaktorisch in einer Mischung aus Angstschweiß, Tonerstaub und dem schalen Geschmack von billigem Kantinenkaffee, für den man eigentlich Schmerzensgeld verlangen müsste.
Exportierte Fäulnis und goldene Nadeln
Das wirkliche Problem beginnt jedoch, wenn das System versucht, seine interne Unordnung loszuwerden. Ein Organismus muss, um zu überleben, Entropie exportieren. Er muss auf die Toilette gehen. Organisationen tun das auch, nur dass ihre Toilette der öffentliche Raum ist. Ökonomen nennen das euphemistisch „negative Externalitäten“. Ich nenne es: Den Müll über den Zaun zum Nachbarn werfen.
Wenn ein Konzern innerlich verrottet, sickert das Gift nach außen. Er bindet Kapital, das anderswo Innovationen treiben könnte, er blockiert Talente in sinnlosen Bullshit-Jobs und er nötigt den Staat zu Subventionen, um das „systemrelevante“ Wrack am Schwimmen zu halten. Besonders grotesk wird es, wenn Führungskräfte versuchen, diesen Zerfall mit hohlen Statusritualen zu übertünchen. Da wird dann eine völlig wertlose Zielvereinbarung oder eine bankrotte Bilanz mit einem [Meisterstück-Füllfederhalter](https://amzn.to/3B77k0j) unterzeichnet. Man hält ein Instrument in der Hand, das mehr kostet als die monatliche Miete eines durchschnittlichen Angestellten, nur um Tinte auf ein Papier zu kratzen, dessen einziger Zweck die juristische Absicherung der eigenen Inkompetenz ist. Es ist ein absurdes Theater: Man beschlägt den Sarg mit Blattgold, während drinnen schon die Maden feiern. Diese 500 Euro für ein Schreibgerät sind keine Investition, sie sind ein Ablasshandel gegen die Bedeutungslosigkeit.
Zombies im Mikrowellenherd
Ilya Prigogine, der im Gegensatz zu den meisten heutigen CEOs tatsächlich verstand, wie die Welt funktioniert, lehrte uns, dass lebende Strukturen „dissipativ“ sind. Sie existieren fernab vom Gleichgewicht. Leben ist ein ständiger Durchfluss, ein ständiges Sterben und Neuwerden. Das moderne Wirtschaftssystem hat jedoch das Sterben verlernt. Wir halten Zombiefirmen künstlich am Leben, wie eine kalte Pizza, die man immer wieder in die Mikrowelle schiebt. Sie wird nicht besser, sie wird nur zäher und der Rand härter, bis man sich die Zähne daran ausbeißt.
Wir haben eine pathologische Angst vor dem Zusammenbruch, dabei ist der Kollaps die einzige Möglichkeit, die akkumulierte Entropie schlagartig abzubauen. Stattdessen subventionieren wir den Stillstand. Wir schleppen veraltete Strukturen mit uns herum wie ein Smartphone mit geblähtem Akku, bei dem wir hoffen, dass es noch einen halben Tag durchhält, obwohl wir wissen, dass es uns jederzeit in der Hosentasche explodieren kann.
Die Natur kennt kein „Too big to fail“. Ein Waldbrand ist brutal, aber er schafft Platz für Neues. Unsere Wirtschaft hingegen gleicht einem Wald, in dem man das Unterholz mit Haarspray einsprüht, damit es grüner aussieht. Am Ende bleibt nur das Rauschen im Äther und die bittere Erkenntnis, dass wir unsere Lebenszeit damit verschwendet haben, die thermische Zersetzung von Organisationen zu verwalten, statt etwas Neues zu bauen. Ich habe genug gesehen. Machen Sie das Licht aus, wenn Sie gehen.

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