Geometrie des Irrsinns

Nachdem wir das letzte Mal diesen widerwärtigen Begriff des „Humankapitals“ seziert haben – eine Idee, so geschmacklos wie lauwarmer Instantkaffee –, widmen wir uns heute dem nächsten Götzenbild der modernen Bürokratie: der Konnektivität. In den klimatisierten Aquarien der Unternehmensberatungen wird „Connectivity“ gepredigt wie das Evangelium. Man schwadroniert von synergetischen Flüssen und der nahtlosen Verzahnung aller Prozesse.

Das ist natürlich völliger Unsinn.

Was wir euphemistisch „moderne Wissensarbeit“ nennen, ist in Wahrheit der verzweifelte Versuch, in einem topologisch völlig zerrissenen Raum von A nach B zu gelangen, ohne dabei vollends den Verstand zu verlieren. Es gleicht dem Verzehr einer billigen Currywurst an einer verregneten Autobahnraststätte: Man weiß, dass es Abfall ist, man spürt das Sodbrennen schon beim ersten Bissen, aber man kaut mechanisch weiter, weil die Alternative der Hungertod – oder in unserem Fall die Kündigung – wäre.

Die Krümmung der Inkompetenz

Betrachten wir die Sache physikalisch, auch wenn es wehtut. Wenn diese Effizienz-Schamanen von „Workflow“ sprechen, meinen sie eine lineare Bewegung. Doch der Aufgabenraum, in dem wir uns bewegen, ist nicht euklidisch flach wie die Furnierplatte eines überteuerten Designer-Schreibtisches, auf dem man ohnehin nur seine Verzweiflung in Form von Kaffeeflecken archiviert. Der Raum ist gekrümmt. Massiv gekrümmt.

Die Informationsgeometrie lehrt uns, dass der Abstand zwischen zwei Zuständen – sagen wir, dem geistlosen Abtippen von Zahlen in Excel und dem kreativen Entwurf einer Strategie – nicht in Minuten gemessen wird. Er wird durch die Fisher-Information bestimmt. Jeder Task-Wechsel ist keine bloße Neuausrichtung, sondern eine brutale Verzerrung unserer kognitiven Metrik. Wenn Sie zwischen einem hysterischen Slack-Channel und tiefer Konzentration hin- und herspringen, versuchen Sie im Grunde, auf einer Oberfläche mit negativer Krümmung geradeaus zu laufen.

Das Ergebnis ist kein „Flow“, sondern kognitiver Schwindel.

Ihr Gehirn operiert dabei mit einer Riemannschen Metrik. Das bedeutet: Der „Aufwand“, den eine kognitive Bewegung erfordert, hängt radikal davon ab, wo im Informationsraum Sie sich gerade befinden. Ein kleiner Schritt in einem hochkomplexen, abstrakten Modell verbrennt metrisch gesehen mehr Glukose als ein kilometerlanger Marsch durch die geistige Ödnis einer Compliance-Schulung. Wir nennen das Erschöpfung; die Mathematik nennt es einfach die unvermeidliche Geometrie des Wahrscheinlichkeitsraumes.

Schimmel im System

Kommen wir zu dem, was die BWL-Justus-Fraktion gerne als „Reibungsverlust“ bezeichnet. Das klingt so sauber, so mechanisch. Aber in der Realität fühlt sich dieser Verlust nicht an wie ein geöltes Zahnrad, das etwas Wärme abgibt. Nein, es fühlt sich an wie der schwarze Schimmel, der sich langsam in den Ecken eines feuchten Kellerraums ausbreitet – still, unausweichlich und gesundheitsschädlich. Oder wie die impotente Wut, wenn ein defekter Geldautomat am Sonntagabend Ihre Karte schluckt.

Jedes Mal, wenn Ihr Smartphone aufleuchtet, erzeugt die Benachrichtigung eine Singularität in Ihrer Informationslandschaft. Die Geodäte, Ihr mühsam geplanter effizienter Weg, kollabiert in sich selbst. Man stelle sich das wie einen dieser völlig überzüchteten Kaffeevollautomaten vor: Ein Monstrum aus Chrom und Plastik, das zwar vierundzwanzig verschiedene Bohnensorten mahlen kann, aber bei jeder zweiten Tasse eine zwanzigminütige, lautstarke „Systemreinigung“ verlangt, während man davor steht und innerlich verrottet. Die Hardware ist für die Vernetzung gebaut, aber die interne Logik frisst die Produktivität auf. Wir sind heute alle nur noch damit beschäftigt, die Scharniere einer Tür zu ölen, die wir gar nicht mehr öffnen wollen, weil dahinter nur noch mehr Arbeit lauert.

Was wir als „agiles Arbeiten“ romantisieren, ist physikalisch gesehen nichts anderes als eine Bewegung entlang eines Pfades maximaler Entropieproduktion. Wir werfen hochwertige kognitive Ordnung in den Schredder der ständigen Erreichbarkeit.

Orthopädische Grabsteine

Die wahre Tragödie liegt jedoch in der grotesken Diskrepanz zwischen Körper und Geist. Während unser Verstand in einem chaotischen, nicht-linearen Informationsraum ertrinkt, versuchen wir, den biologischen Körper in einer starren Geometrie zu fixieren. Man muss sich nur diese ergonomischen Bürostühle ansehen, deren Preis den Restwert eines Kleinwagens übersteigt. Sie sind die Grabsteine der Konnektivität. Mit Lordosenstütze und 4D-Armlehnen suggerieren sie eine physische Stabilität, während der Geist darauf wie ein aufgescheuchtes Huhn durch fluktuierende Wahrscheinlichkeitsdichten flattert. Es ist pure Ironie: Wir schützen die Wirbelsäule, während wir den Frontallappen systematisch zu Brei schlagen.

Wir vernetzen Aufgaben nicht, um sie schneller zu lösen. Wir tun es, um die Leere zwischen ihnen zu füllen, weil wir die Stille nicht mehr ertragen. Wir bauen Brücken in einem Raum, in dem es keine festen Ufer mehr gibt. Und während wir die Riemannsche Krümmung unseres Alltags verfluchen, vergessen wir, dass das einzige wirklich effiziente System jenes ist, das einfach abschaltet.

Aber das würde ja die Quartalszahlen gefährden. Also weiter, immer schön der Krümmung nach, bis der Akku endgültig den Geist aufgibt.

Einfach lächerlich. Ich brauche jetzt ein Bier.

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