Thermodynamischer Hitzetod

Setzen Sie sich. Nehmen Sie die Hand von der Krawatte, das Ding ist ohnehin nur eine kulturelle Schlinge, die Ihnen die Blutzufuhr zum Gehirn drosselt – was, wenn ich mir Ihre Wortmeldungen im heutigen Meeting so ansehe, wohl schon vor Jahren irreversible Schäden angerichtet hat. Trinken Sie. Ja, das Bier schmeckt schal. Es nähert sich dem thermodynamischen Gleichgewicht, genau wie Ihre Abteilung.

Haben Sie sich jemals gefragt, warum wir acht Stunden am Tag in klimatisierten Glaskästen sitzen und absolut nichts von Wert produzieren? Wir nennen es „Arbeit“, „Strategie“ oder – wenn das Marketing-Budget besonders hoch war – „Value Creation“. Aber lassen Sie uns ehrlich sein: Ein modernes Unternehmen ist nichts weiter als ein verzweifelter, zum Scheitern verurteilter Aufstand gegen den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik.

Ludwig Boltzmann hätte beim Anblick eines durchschnittlichen deutschen Konzerns nicht geforscht, sondern geweint. Alles strebt nach Unordnung. Das ist das Gesetz. Wenn Sie Menschen, PowerPoint-Folien und lauwarme Kaffeeplörre in einen Raum sperren, entsteht keine Ordnung. Es entsteht Chaos. Das ist so unausweichlich wie die Tatsache, dass der Akku Ihres überteuerten iPhone immer genau dann den Geist aufgibt, wenn Sie die Bordkarte für den Flug brauchen, den Sie besser verpasst hätten. Wir verbrennen kognitive Energie, nicht um Neues zu schaffen, sondern nur, um den Zerfall für ein paar Nanosekunden aufzuhalten.

Der Geruch der Stagnation

Was Sie „Unternehmenskultur“ nennen, ist in Wahrheit nur das Hintergrundrauschen dieses Verfalls. Atmen Sie mal tief ein. Was riechen Sie? Das ist nicht Teamgeist. Das ist eine Mischung aus Ozon, dem Staub überhitzter Server und dem kalten Schweiß von Mittelmanagern, die Angst um ihren Leasingwagen haben. Wir sitzen auf ergonomischen Wunderwerken, wie diesem Herman Miller Aeron, dessen Netzgewebe im Laufe der Jahre mehr menschliche Ausdünstungen und gescheiterte Träume absorbiert hat, als eine Mülldeponie in Neapel. Wir polieren das Messing auf der Titanic, während wir uns einreden, der Eisberg sei nur eine „disruptive Marktchance“. Es ist eine kollektive Halluzination, aufrechterhalten durch endlose E-Mail-Ketten, die nichts weiter tun, als die Entropie des Universums zu beschleunigen.

Dissipative Verschwendung

Und kommen Sie mir nicht mit „Agilität“ oder „Synergie“. Physikalisch betrachtet ist eine Organisation eine dissipative Struktur, wie Ilya Prigogine es formulierte. Ein Strudel im Abflussrohr der Existenz. Wir existieren nur, solange Energie – in Form von Risikokapital oder der Lebenszeit naiver Praktikanten – durch uns hindurchfließt. Sobald der Strom abreißt, kollabiert die Struktur zu einer Pfütze aus Bedeutungslosigkeit.

Das, was wir so pathetisch „Public Value“ oder „Gemeinwohl“ nennen, ist dabei nichts weiter als die Abwärme dieses Prozesses. Es ist der thermische Abfall, der entsteht, wenn Ineffizienz auf Bürokratie trifft. Denken Sie an die fettige Abluft einer Dönerbude nachts um drei. Der Besitzer will Geld, der Betrunkene will Fleisch, aber der eigentliche gesellschaftliche Wert ist die Wärme, die sie vor dem Erfrieren bewahrt. Das ist ein zufälliges Nebenprodukt. Sobald Sie versuchen, diesen Prozess in eine Excel-Tabelle zu pressen und zu „managen“, stirbt er ab. Sie können Reibungshitze nicht in KPIs messen, ohne das System einzufrieren.

Die Illusion der Kontrolle

Es ist eine Tragödie. Sie versuchen, die Zeit anzuhalten, Prozesse zu standardisieren, das Chaos zu zähmen. Schauen Sie auf Ihr Handgelenk. Diese A. Lange & Söhne, die Sie sich vom Bonus gekauft haben, um sich selbst zu beweisen, dass Ihre Zeit kostbar ist. Ein schönes Stück Mechanik. Aber hören Sie das Ticken? Das ist nicht der Klang von Präzision. Das ist der Soundtrack Ihres eigenen Verfalls, der in perfekt regulierten Intervallen abläuft. Jedes Ticken bringt Sie näher an den Punkt, an dem Ihr Schreibtisch geräumt wird und die IT Ihren Account sperrt. Keine Uhr der Welt, und sei sie noch so teuer, schützt Sie vor der Entropie Ihres Lebenslaufs.

Wer glaubt, man könne eine Organisation durch „Digitale Transformation“ retten, ohne die brutale Physik der menschlichen Unzulänglichkeit zu verstehen, der glaubt auch, dass er satt wird, wenn er sich Fotos von Essen auf Instagram ansieht. Wir optimieren das Nichts. Wir beschleunigen den Leerlauf.

Also, hören Sie auf zu planen. Ihr Jahresziel ist statistisch irrelevant. Gehen Sie nach Hause, bevor Sie hier noch mehr Sauerstoff in Kohlendioxid verwandeln, ohne dabei einen einzigen klaren Gedanken zu produzieren. Die Rechnung für das Bier lassen wir liegen. Irgendeine Kostenstelle wird es schon schlucken. Das ist schließlich auch eine Form von Energieerhaltungssatz. Raus jetzt.

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